Tradition und Menschenwürde

„Ich habe mich entschieden diesen Weg zu gehen, weil jemand das tun musste. Als junges Mädchen habe ich mich immer gefragt, warum niemand gegen diese Barbarei vorgeht.“ (Waris Dirie)

Unbeschnittene Frauen haben es schwer.
In westlichen und östlichen Regionen Afrikas, aber auch vereinzelt in Indien, Indonesien und Malaysia. Sogar mitten in Europa – Großbritannien oder Deutschland zum Beispiel. Unbeschnittene Frauen sind in den betroffenen Gesellschaften Abschaum. Unrein, eines Ehemannes nicht würdig. Soziale Ausgrenzung ist die Folge, vielleicht sogar der Verstoß aus der Familie.

Alle 20 Sekunden wird ein Mädchen beschnitten, ein Mädchen zwischen 4 Monaten und 12 Jahren. Diesem Mädchen wird mit dreckigem „Besteck“, also einer rostigen Rasierklinge, einem stumpfen Messer oder einer alten Schere, die Klitoris entfernt. Höchstwahrscheinlich werden ihm auch die Schamlippen abgeschnitten bzw. -geschabt, in zehn Prozent der Fälle wird der Rest nun auf eine Öffnung der Größe eines Streichholzkopfes zusammengenäht. Alles natürlich ohne jegliche Narkose- oder Betäubungsmittel. Wenn ein Mädchen bei dieser Prozedur nicht durch den enormen Blutverlust oder eine Infektion stirbt, wird es sein Leben lang unter den Folgen leiden.

Immer wiederkehrende, schmerzhafte Infektionen zum Beispiel.
Das Risiko für Mutter und Kind, bei der Geburt zu sterben, ist um mehr als 25 Prozent erhöht.
Mädchen und Frauen, bei denen die sogenannte pharaonische Beschneidung (also das schließliche Zunähen auf die Größe eines Streichholzkopfes) durchgeführt wurde, wird für den ersten Geschlechtsverkehr die Öffnung aufgeschnitten oder -gerissen. Das vernarbte Gewebe ist unelastisch, also muss die Öffnung für die Geburt des ersten Kindes ein weiteres Mal aufgeschnitten werden. Danach wird sie wieder zugenäht – um für die „zweite Hochzeitsnacht“ und die darauf folgende Geburt erneut geöffnet zu werden.
Im Alltag bereiten der Toilettengang und die monatliche Blutung unvorstellbare Schmerzen, da die Wunden aufgrund der ständigen Belastung (Laufbewegung, Toilettengang) nur sehr langsam heilen.
Zu diesen unermesslich grausamen körperlichen Schmerzen kommen unzählige psychische Leiden hinzu.

Rein rechtlich werden potentielle Opfer in einigen der Länder, in der die Praxis traditionell verbreitet ist, inzwischen geschützt. Die Vorreiter waren Guinea, Dschibuti und Burkina Faso, bis heute folgten Eritrea, Senegal, die Elfenbeinküste, Togo, Benin, Ägypten, Äthiopien und Tansania mit gesetzlichen Verboten oder Einschränkungen. Die Umsetzung der Gesetze ist jedoch oftmals fraglich, immernoch sind in diesen Ländern bis über 90 Prozent der Frauen und Mädchen beschnitten.
Auch in Europa und den USA besteht Bedarf an Gesetzen, die den Eingriff unter Strafe stellen. Der Eingriff (der nicht religiös begründet ist) wird oft von Immigranten weitergeführt, die emotional noch sehr mit den Traditionen ihrer Heimat verbunden sind – und somit auch mit dieser sehr präsenten und, gesellschaftlich gesehen, wichtigen Tradition.
In den westlichen Ländern werden potentielle Opfer jedoch immernoch oft nur indirekt geschützt. In der EU stellt die Beschneidung weiblicher Genitalien eine Verletzung der körperlichen Unversehrtheit dar, was rechtswidrig ist. In Belgien, Dänemark, Großbritannien, Italien, Norwegen, Österreich, Schweden und Spanien gibt es darüber hinaus spezifischere Gesetze, die die Verstümmelung weiblicher Genitalien anspricht.

Neben Gesetzen, die diese Praktik unter Strafe stellt, sind Aufklärung und Information von größter Wichtigkeit. Die UNO und WHO streben die vollständige Ausrottung dieser Tradition an, Aufklärungskampagnen sollen schon in einigen Dorfgemeinschaften dazu geführt haben, dass sich die Bewohner gegen das weitere Durchführen der Praktik entschieden haben. Auch alternative Berufsmöglichkeiten für ehemalige Beschneiderinnen können zu einem Rückgang der Praktik beitragen.


Gestern war der Internationale Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung.

Der Tag soll dazu aufrufen, zu handeln.
Sich zu informieren, Freunde zu informieren, die Augen offen zu halten für eventuelle Opfer im Freundes- oder Bekanntenkreis. Spezialisierte Organisationen wie (I)ntact, Amnesty Frauen, Forward Germany und Waris Dirie Foundation bieten Schutz und Hilfe, sind für Hinweise und Unterstützung dankbar.
Auch die WHO, UNO, UNICEF, Amnesty International, Plan, Terre des Femmes und Target kämpfen gegen weibliche Genitalverstümmelung.

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